"Wer spricht oder singt, will nicht bei sich behalten, pocht nicht auf Besitz, auf Mein-heit, sondern schüttet, sich verschwendend und verschenkend, aus. Er überläßt das zu Sagende den Lüften und ihrer offenen Weite. Er gibt seine Kontrolle über seine Gedanken aus der Hand. Sprechen ist immer schon ein Akt der Wildheit. Das zeigt sich besonders im psychotherapeutischen Gespräch, und zwar gerade dann, wenn der Patient etwas, das ihm selbst bewußt ist, geheimhält und es ängstlich nicht über sich bringt, es auszusprechen, oft mit der irrigen Behauptung, da er es selbst schon wisse, sei es nicht mehr nötig, es auszusprechen. Hinter diesem Widerstand steht das Bedürfnis, das zu Sagende von seinem Bewußtsein umzingelt und verfügbar zu halten und sich selbst als den Verfügenkönnenden zu reservieren, vor dem von ihm Angesprungenwerden zu schützen, während das Aussprechen z.B. eines peinlichen Gefühls, das Sich-Bekennen zu einer Tat das Auslassen des eigenen Wesens in das Gefühl oder die Tat wäre, das rückhaltlose Sich-Betten in ihnen sowie das Freilassen, das Sein- und Waltenlassen ihrer Wahrheit, so daß der Mensch, in sie ausgelassen, ihnen rückhaltlos ausgesetzt wäre und dem in seinem ganzen Wesen von ihnen Durchstimmtwerdenkönnen nichts mehr entgegensetzen könnte: die Katze, d.h. die uns anspringende Wildheit und Aggressivität des zu Sagenden, hätte er ja schon längst aus dem Sack gelassen. Es geht also bei allem wesentlichen Reden nicht bloß um den Inhalt des Gesagten, darum, ob ich selber es weiß oder mir seiner unbewußt bin, es geht vor allem auch darum, wie ich es weiß: ob so, daß ich es loslasse und frei ausschweifen lasse, so daß es zur offenen Weite der Wildnis für mich wird und mich allseits umfangend durchherrschen kann, oder so, daß ich es ängstlich in mir verschließe und damit zugleich in sich selbst einsperre.”
Wolfgang Giegerich ist grossartig. Er ist niemandem bekannt, aber meines Erachtens der grösste lebende Psychologe. Viele meiner Gedanken sind durch ihn inspiriert (ich muss gestehen, teilweise sind sie auch einfach übernommen... aber nur selten. wirklich sehr selten. Aber inspiriert, ja. Das ganz klar.) ich habe noch nicht die Reife entwickelt wirklich selbst zu denken. Aber ich versuche es. Ich glaube fast niemand hat die Reife entwickelt wirklich selbst zu denken. Es betrifft nicht nur mich. Besonders im Zeitalter von Podcasts und Youtube kann man ganz einfach unauffällig Gedanken von anderen (die ihre Gedanken ebenfalls bereits übernommen haben) übernehmen. Wolfgang Giegerich ist glücklicherweise kein Podcaster oder Youtuber. Sondern eine wirklich ernst zu nehmende Person. Ich weiss, wenn ich diese Worte sage, ist es schwierig sie wirklich ernst zu nehmen. Aber ich meines sie wirklich so... Wolfgang Giegerich ist bereits alt und wird diesen Absatz hier glücklicherweise nie lesen. Er fände dieses Gerede bestimmt überflüssig und unreif. Ich will mich unverzüglich unterbrechen. Vielleicht fände er das Gerede aber auch interessant, weil es so ehrlich ist. Vielleicht hoffe ich insgeheim, dass er es lesen wird und es gut findet... eigentlich spielt es keine Rolle, ob er es lesen wird. Viel wichtiger ist, ob dieses Webseite wirklich Substanz hat. Das weiss ich nicht. Ich hoffe es. Wolfgang Giegerich hält nicht viel vom "Hoffen". Das sehe ich ganz genau so.
Diesen folgenden Absatz, habe ich nur geschrieben, um auf eine Seite verlinken zu können, die sonst nirgends reingepasst hätte. Der Absatz selbst ist eine schlechte und mangelhafte Wiederholung des obigen Zitates von Wolfgang Giegerich:
Ich will nicht sprechen. Ich traue mich nicht. Man könnte mich komisch finden, mich ausschliessen oder ich könnte jemanden verletzen. Lieber behalte ich für mich, in mir. So bin ich sicher. Unausgesprochen glüht es stärker. Ein gehemmter Mensch ist ein merkwürdiger Mensch.
Springe zu diesem Eintrag im Blog.