Über den Zweck der Psychologie

Etwas hat einen Zweck, wenn es einen Zustand A in einen besseren Zustand B überführt.
Die gegenwärtige Psychologie* sieht den Menschen als grundlegend zweckbestimmtes Wesen. Jedes Verhalten habe einen Zweck, eine „Funktion“. Selbst als krankhaft eingestuftes Verhalten diene einem Zweck, obschon er dem Bewusstsein oft verborgen bleibt: Der Suizid dient der Befreiung von Schmerzen, der Drogenkonsum der Regulation von Emotionen und die soziale Phobie dem Herstellen von Sicherheit.
Ist es falsch, jedem Verhalten einen Zweck zuzuschreiben? Es ist sicherlich möglich. War das schon immer möglich? Nein. Das ist erst möglich, seit der Entstehung der Psychologie. Es bedurfte der Erfindung von Grundbedürfnissen und Trieben sowie der Erfindung des Unbewussten, um das Verhalten und Erleben des Menschen als rein zweckdienlich zu begreifen. Es ist offensichtlich, dass es ein Verhalten gibt, das äußerlich zweckfrei ist. Einen Stein immer wieder auf einen Berg hochzuschieben, wissend dass dieser, sobald oben angekommen, wieder herunterrollen wird, ist äußerlich vollkommen zweckfrei. Versteht man den Menschen jedoch als mit Grundbedürfnissen ausgestattet, so könnte das Hochschieben des Steines dem Menschen dienen, das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle zu befriedigen. Dieser den-Stein-hoch-schiebende Mensch hatte vielleicht in der Kindheit einen traumatischen Kontrollverlust erlebt und erfüllt nun dieses Grundbedürfnis auf eine pathologische Weise. In dem er einen Stein auf einen Berg hoch schiebt, kann er wenigstens eine Sache vollkommen kontrollieren. Es ist die Freude und das Unterfangen der zeitgenössichen Psychologie, solche versteckten Zwecke zu (er)finden. Jede Diagnose gibt ihm einen Hinweis auf einen versteckten Zweck. Natürlich brauchte es dazu den Begriff des Unbewussten, um sich ein „Versteck“ zu denken, an dem die eigentlichen, das Verhalten bestimmende Faktoren liegen (wenngleich das Wort „unbewusst“ heutzutage ungern ausgesprochen wird; vorgestellt und vorausgesetzt wird es immer, wenn auch unbewusst). Nun kann der Psychologe sagen: „Dieser Mensch verhält sich scheinbar zweckwidrig, aber nur scheinbar! Eigentlich verhält er sich so, um dieses oder jenes zu erreichen“ (derzeit besonders beliebt ist die Vorstellung, dass viele Menschen sich zweckwidrig verhalten, um „in Beziehung zu treten“, dh. um sein Grundbedürfnis nach Bindung zu erfüllen). Nun lässt sich der Mensch als vollkommen zweckbestimmt begreifen. Und vielleicht hat die moderne Psychologie kein anderes Ziel, als den Menschen in diese Form zu bringen. Ob man nun den noch unentdeckten (unbewussten) Faktor für das zweckwidrige Verhalten als negativen Mutterkomplex, falsch-befriedigtes Grundbedürfnis, Diagnose** oder als Sexualtrieb auffasst, ist irrelevant und Geschmackssache. Hauptsache man vermisst den Menschen nach seinen Zwecken. Die Psychologie ist seit ihrer Entstehung mit zweckwidrigem Verhalten beschäftigt, entsprechend wurde die „Erforschung des Unbewussten“ zum ursprünglichen Leitthema. Nimmt man das Konzept der Verdrängung und der Konditionierung hinzu, so hat man das Wesentliche der gegenwärtige Psychologie grösstenteils begriffen. Das Konzept der Verdrängung erklärt ihm, wie es zu diesem scheinbar zweckwidrigen Verhalten gekommen ist. Das Konzept der Konditionierung hilft, das (scheibar zweckwidrige) Verhalten in seine „eigentlichen“ Bahnen zu leiten. Der Mensch ist nun ganzheitlich greifbar und macht dadurch weniger Angst. Der Psychologe kann sich im Stuhl bequem zurücklehnen, denn er hat sein Gegenüber „im Griff“. Er hat es bereits vor dem ersten Kontakt entmächtigt und ganzheitlich vermessen. Es wird ihm nun zum Spiel diese versteckten Mechanismen zu ergründen und umzuleiten. Die Frage, ob das richtig oder falsch sei, ist an dieser Stelle irrelevant. Viel wichtiger ist die Frage, welcher Wind hier weht und die gegenwärtiige Psychologie diesem Ziel verpflichten lässt? Es ist der Geist der Aufklärung (und dh. grundlegender der Geist des Christenthums***). Ein Geist, der sich weniger als „wir wollen wirklich wissen“ zeigt, als vielmehr „wir wollen das Totale, wir wollen alles besitzen und besetzen“. Es ist derselbe Geist, der durch die Kolonialisierung wehte, durch die Erkundung des Universums, durch die Mikrobiologie oder die Technologisierung der Welt, der auch in der Psychologie weht und sich gerne verkleidet als „es geht uns um die Wahrheit“.
*gegenwärtige Psychologie meint hier ein Denken, dass der Psychologie, die an den Universitäten gelehrt wird, zugrunde liegt. Obschon hier hauptsächlich auf die klinische Psychologie Bezug genommen wird, liegt dieses Denken im Wesentlichen der gesamten akademischen Psychologie zugrunde.
**Es ist ein großer Irrtum eine Diagnose als Erklärung für (zweckwidriges) Verhalten zu verstehen, welches eben durch diese Diagnose beschrieben wird (bspw. „Ich konnte in der Schule nicht aufpassen, weil ich ADHS habe“ oder „Ich habe Beziehungsschwierigkeiten, weil ich eine Borderline Persönlichkeitsstörung habe“) Diagnosen leiten sich immer aus dem Verhalten und dem Erleben der Person ab. Nimmt man anschließend die Diagnose wiederum als Ursache für das beobachtete Verhalten, das durch die Diagnose beschrieben wird, so schliesst man im Kreis. Was nicht heissen soll, dass es eine Ursache für ein ADHS geben kann oder dass eine Diagnose Ursache für (zweckwidriges)) Verhalten sein kann (bspw. „ich konsumiere Drogen, weil ich ADHS habe“ kann eine echte (nicht-zirkuläre) Erklärung sein). Auch soll es nicht heissen, dass solche (Kreis-)Erklärungen einer betroffenen Person nicht helfen können. Erklärungen für bisher als zweckwidrig eingestuftes Verhalten, die überzeugt geglaubt werden, verschaffen kurzfristig häufig eine gewisse innere Ruhe.

***Zu erklären, was hier gemeint mit „Geist des Christenthums“ würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Auf alle Fälle hat es nichts mit dem persönlichen christlichen Glauben einer Person zu tun.