Offene Ohren

Schüler.

Es ist schön, mit Menschen zu sprechen, die offene Ohren haben. Und offene Ohren hat, wer mit Gefühl zuhört. Er hört nicht nur die gesprochenen Worte, sondern sieht das Ganze, das die sprechende Person mitbringt. Nichts verschließt die Ohren mehr als Diagnosen und psychologische Theorien. Sie machen blind, indem sie uns nur das sehen lassen, was nicht zum Mitgebrachten der Person gehört. Sie sehen das Allgemeine und nicht das Besondere. Das Einzige, was eine Person mitbringt, ist das Besondere, und das Besondere liegt immer in dem, was sich im Jetzt abspielt. Eine Erinnerung kann sich ebenfalls im Jetzt abspielen. Das Besondere meint nicht etwa das Besondere an der Person, sondern das Besondere, das durch die Person zum Ausdruck kommt.

Supervisor.

Ich sehe, du hast Giegerich gelesen und kannst es gut in eigene Worte fassen. Aber glaubst du wirklich daran? Lebst du es? Ansonsten sind das nichts als hohle Worte, die dich ebenso vom Besonderen wegleiten, wie es die Diagnosen und Theorien der Psychologen tun. Nur dass du es verschleiert hältst.

Schüler.

Du hast recht, ich will lernen, meinen Blick auf das Besondere zu richten und sehen, ob ich es selbst sehen kann. Denn bisher habe ich es nicht gesehen. Ich habe nur gehört, dass es das geben soll.

Supervisor.

Hier bist du zu einsichtig. Natürlich hast du es selbst gesehen. In jedem deiner Bilder kommt es zum Ausdruck. Du bist talentiert.

Schüler.

Ich soll also zuhören, wie ich zuhöre, wenn ich male? Wie kitschig.

Supervisor.

Nur wer zuhört, ohne zu wollen, hört wirklich zu. Denn wer will, legt das Gehörte bereits entlang dem Gewollten aus. Er hört dann nicht. Er beobachtet nur sein Wollen. Wer glaubt zu wissen, wohin es gehen soll, kann nicht zuhören.

Schüler.

Nicht zu wissen, was ich will, macht mich charakterlos, devot und schwach. Dann bin ich den anderen Menschen doch ausgeliefert. Bin ich im Gespräch vielleicht zwei: einmal der, der will, und einmal der, der erwartungslos zuhört? Denn ich kann das „Nicht-Wollen“ nicht wollen. Oder bin ich dann letztlich einfach ein Wollendes, das sich neben oder hinter sich einen Nicht-Wollenden Geist denkt? Auch die erste Person soll erwartungslos sprechen, denn nur so kann ich echt zuhören. Gibt es dafür ein Trainingsprogramm?

Du hast dich in peinliche Gedanken verirrt.