Über die Bescheidenheit

Einleitende Worte

Wenn ich ernst und ohne Witz schreibe, so als würde ich eine Wahrheit verkünden oder Anspruch auf eine erheben, dann schreibe ich schlecht und unwahr.

Wenn ich hingegen erfinderisch und mit Witz schreibe, ohne Anspruch und ohne Argument, teils sogar lügend, dann schreibe ich gut und wahr.

Heidegger sagt, die alten Griechen hätten unter Wahrheit „Unverborgenheit“ verstanden und erst mit Aristoteles sei die Wahrheit zur „Gewissheit“ geworden. Hegel sagt, die Lüge sei eine Erscheinungsform der Wahrheit.

Den folgenden Text habe ich mehrfach überarbeitet. Ich habe versucht, ihn von der lebendigen "Unverborgenheit" in die tote "Gewissheit" zu überführen:

Hauptstück

Bescheidenheit bedeutet ursprünglich „Verständigkeit“, „Urteilskraft“ oder „Unterscheidungsvermögen“. Die Bedeutung verschob sich dann zu „Genügsamkeit“ und meint heute „Anspruchslosigkeit“ und „Zurückhaltung“. Wolfgang Giegerich ist ein bescheidener Mensch.

Egoisten wollen Anerkennung, Geld, Komfort und Macht. Das Ego denkt, es könne einen beliebigen Zustand A in einen beliebigen Zustand B überführen.

Aber was, wenn der gewollte Zustand B die Überwindung des Egos ist? Ist das nicht die größte Anmaßung? Soll ein echt bescheidenes Ich nicht sogar einen Schritt zurück vor seinen Ego-Wünschen machen und selbst diese wunschlos wünschen lassen? Sind wir nicht Opfer von Ego-Wünschen? Oder gilt es radikal gegen sie vorzugehen, sie von sich abzutrennen?

Nietzsches Buch Ecce Homo beginnt mit den Kapiteln: „Warum ich so weise bin.“, „Warum ich so klug bin.“ und „Warum ich so gute Bücher schreibe.“ Hat Nietzsche vielleicht in größter Bescheidenheit sein Ego wunschlos wünschen lassen, indem er diesem hemmungslosen Ausdruck verlieh? Im ursprünglichen Sinn des Wortes ist Nietzsche ganz bestimmt bescheiden.

Bescheidenheit birgt die Gefahr des „In-sich-gekehrt-Seins“. Zurückhaltung kann zur Ego-Inflation führen, während das Sich-Mitteilen zur Bescheidenheit führen kann. Texte zu schreiben, aber diese allen vorzuenthalten, ist Ego-Inflation. Man glaubt sich durch die Zurückhaltung vielleicht im Besitz großer Gedanken. Beim Aussprechen der großen Gedanken stellt man dann vielleicht fest, dass diese voller Widersprüche und ziemlich trivial sind.

Die Jungianer schätzen die Bescheidenheit, denn sie denken, die wichtigsten Bewegungen in der Welt kämen von den Archetypen. „Tue bei dir in deiner kleinen Welt, was du tun kannst, aber versuche keine großen Änderungen zu bewirken, denn das wäre Anmaßung und Ego-Inflation. Die großen Änderungen sind Sache der Götter.“ So kann ein Jungianer, der im stillen Kämmerchen Mandalas malt, Träume deutet und Bücher liest, glauben, er würde sich bescheiden dem Unbewussten widmen. Doch gut möglich, dass sein Handeln nichts als Anmaßung und Ego-Inflation ist. Er lebt in derselben Schein- und Bilderwelt, im selben Idios Kosmos, wie es die Instagram-Süchtigen tun, nur dass er sich dabei für bescheiden hält. Diese Bescheidenen sind oft die Mutlosen. Nicht hochmütig, aber mutig soll man sein.

Trotzdem schreibt Friedrich Nietzsche in Also sprach Zarathustra: „Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden. Nicht um die Erfinder von neuem Lärm, um die Erfinder von neuen Werten, dreht sich die Welt. Unhörbar dreht sie sich.“

Was ist denn nun echte Bescheidenheit? Wir wollen nicht, dass die Zurückhaltung uns kastriert, aber auch wollen wir keinen unnötigen Lärm machen. Lärm wird durch das Wünschen und das Hoffen verursacht. Wir wollen unsere Worte erwartungslos sprechen: kein Wünschen und kein Hoffen.

Zusatz: Die Technologie steht mit dem Ego in Zusammenhang, da sie zumindest an der Oberfläche nichts anderes tut, als einen Zustand A in einen gewünschten Zustand B zu überführen. Der Zug bringt dich von A nach B, der Ventilator kühlt den Raum von 27 auf 22 Grad, der Backofen verwandelt den Teig in Brot. Die klassischen Wissenschaften stehen mit dem Ego insofern in Verbindung, als sie die Welt in eine Form überführen, sodass das Ego frei über sie verfügen kann. Nicht nur geben sie uns die Theorie, wie wir praktisch einen Motor oder ein Hochhaus bauen könnten, sondern sie lassen die Welt als dem Ego zur Verfügung stehendes Material erscheinen. Aus Natur wird Umwelt – die Welt, die das Ego umgibt. Materialisiert sich vielleicht das Ego, sodass der Idios Kosmos bald Wirklichkeit wird?